yes!yes!yes!no!no!

Artikel zur Soloshow „yes!yes!yes!no!no!“ in der Kunsthalle Wil von Irene Müller (kunstbulletin 7-8/200)

Olivia Wiederkehr – In den Raum hinein, durch den Raum hindurch gedacht

Klarere Gegensätze als «Ja» oder «Nein» sind nicht vorstellbar. Doch was bedeutet die Vervielfachung des Worts, welche Aussage verbirgt sich hinter dem veränderten Sprachrhythmus? Ein Ausstellungstitel, der mithin das Bedürfnis nach Verbindlichkeit und Positionsbezug signalisiert.

Wer Olivia Wiederkehr’s Arbeiten in den letzten Jahren verfolgt hat, kommt nicht umhin, die Konsequenz und Experimentierfreude zu bewundern, mit der sie immer neue Wege findet, um existenzielle Fragestellungen und menschliches Erleben in sinnlich erfahrbare Formen zu überführen. Räumlichkeit respektive der einer Arbeit zugedachte Ort sind dabei grundlegende Parameter, die von Wiederkehr unter dem Vorzeichen des Atmosphärischen hinterfragt oder in Szene gesetzt werden. Insofern bietet die Einladung der Kunsthalle Wil und deren spezifisches Raumangebot der Künstlerin auch ein ideales Terrain, um der titelgebende Entscheidungsfrage mit einem Setting zu begegnen, das räumliche Erfahrung, Sprache und haptische Setzungen zueinander in Beziehung setzt.

Konkret ist das an bereits vor der Ausstellung an den zwei Schrift-Objekten ablesbar, die in kantigen, weissen Versalien ein markantes doppeltes «No» in die Vorhalle zeichnen. Das korrespondierende «Yes Yes Yes» stahlt einem dann beim Betreten des Raums in weich geschwungenen, gelben Lettern entgegen. Licht, genauer farbiges Licht als Faktor des Atmosphärischen tritt aber auch noch in anderer Form auf: Die vor Türen und Fenster angebrachten Folien tauchen die Raumsegmente in jeweils differenziert abgestimmte Farbklänge, wobei im Erdgeschoss Grün dominiert und im Obergeschoss Pink und Blau. Die skulptural-objekthaften Setzungen antworten mit haptischen sowie formalen Charakteristika auf die vorherrschende «Farbtemperatur». So suggeriert die weit ausschwingende Bodenarbeit im Erdgeschoss anhand ihres «Unterbaus» eine landschaftliche Struktur, eine weiche hügelige ansteigende Rampe, deren spiegelnde Oberfläche ein bezauberndes Lichterspiel bietet. Zugleich – und auch dies ist ein Merkmal von Wiederkehrs Arbeiten – bleibt der erste Eindruck nur temporär, denn die Folie fungiert auch als Zerrspiegel, der eine Suche nach Fixpunkten oder einem «treuen Abbild» konsequent unterwandert. Der modellhaft dimensionierte Sprungturm aus Karton behauptet ebenso seinen Ort in dem szenografischen Gefüge. Rein material betrachtet ist er der kühlen Sphäre des Obergeschosses zuzuordnen, verbindet aber aufgrund seiner Platzierung die beiden Stockwerke, verknüpft Leerraum und Boden, dynamische Bewegung und Landung. 

english:

Olivia Wiederkehr – Into the space, thinking through the space
Clearer contrasts than „yes“ or „no“ are not conceivable. But what does the multiplication of the word mean, what message is hidden behind the changed rhythm of speech? An exhibition title that thus signals the need for commitment and a positional reference.
Anyone who has followed Olivia Wiederkehr’s work in recent years cannot fail to admire the consistency and joy of experimentation with which she constantly finds new ways of translating existential questions and human experience into forms that can be experienced through the senses. Spatiality and the location intended for a work are fundamental parameters that are questioned or staged by return under the sign of the atmospheric. In this respect, the Kunsthalle Wil’s invitation and its specific space offer the artist an ideal terrain to encounter the decision making question of the title with a setting that relates spatial experience, language and haptic settings.
This can be seen in the two written objects in angular white capitals which draw a striking double „No“ in the entrance hall. When entering the room, the corresponding „Yes Yes Yes“ appears in softly curved yellow letters. But light, or more precisely coloured light as a factor of atmosphere, also appears in other forms: The foils applied in front of doors and windows bathe the room segments in differentiated colour tones, with green dominating on the ground floor and pink and blue on the upper floor. The sculptural-object-like settings respond to the prevailing „colour temperature“ with haptic and formal characteristics. Thus, the widely swinging floor work on the ground floor suggests a landscape structure by means of its „substructure“, a soft, hilly ascending ramp whose reflecting surface offers an enchanting play of lights. At the same time – and this is also a feature of Wiederkehr’s works – the first impression remains only temporary, as the foil also functions as a distorting mirror that consistently undermines a search for fixed points or a „faithful image“. The model-like dimensioned diving tower made of cardboard also asserts its place in the scenographic structure. Seen purely in terms of material, it is to be assigned to the cool sphere of the upper floor, but its placement connects the two floors, linking empty space and ground, dynamic movement and landing.